alt text

Was kann die Landwirtschaft tun, um das Klima zu schützen?

ARTIKEL

Die Eindämmung von Emissionen aus Transport und Industrie steht im Mittelpunkt der Klimaverhandlungen in Paris. Viel zu wenig Aufmerksamkeit wird jedoch der Frage gewidmet, welchen Beitrag die Landwirtschaft zur Erreichung der Klimaziele leisten könnte. Der EU-Rat erklärte sogar letztes Jahr in Vorbereitung der UN-Klimakonferenz, dass die Landwirtschaft (mit Ausnahme der Agroforstwirtschaft) keine Rolle bei der Verringerung der Treibhausgasemissionen zu spielen habe. Doch diese Vogel-Strauß-Politik bringt uns nicht weiter.

Die Landwirtschaft und die durch sie verursachte Landnutzungsänderung sind laut der Schätzung des Weltagrarberichts für 30% der weltweiten klimaschädlichen Gase verantwortlich. Bei einigen klimaschädlichen Gasen sind es weit mehr: 95% der Ammoniakemissionen und 50% der Methanemissionen stammen in Deutschland aus der Landwirtschaft, im speziellen aus der Tierhaltung. Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftssektoren hat die Landwirtschaft bisher kaum zur Reduzierung dieser klimaschädlichen und luftverschmutzenden Gase beigetragen.

Was passiert, wenn die Politik versucht, hier regulierend einzugreifen, zeigte sich in den vergangenen Wochen am Beispiel der europäischen NEC-Richtlinie, die Reduktionsziele für Luftschadstoffe festlegt. Mit zum Teil haarsträubenden Argumenten wehrte sich die Agrarlobby gegen eine Begrenzung der Emissionen aus der Landwirtschaft. Doch das Europäische Parlament ließ sich nicht beirren und hat sich für verbindliche Grenzwerte ausgesprochen und damit den Vorschlag der EU-Kommission verschärft. Allerdings wurde die Reduzierung der Methanemissionen abgeschwächt, indem eine Ausnahme für Wiederkäuer geschaffen wurde. Dabei wurde außer Acht gelassen, dass eine „Hochleistungskuh“ mit weit über 8000 kg Milchleistung pro Jahr durch intensive Fütterung vom Acker deutlich höhere Methanemissionen in der gesamten Bilanz aufweist als Tiere die auf Grünlandbasis gefüttert oder in ökologischen Betrieben gehalten werden.

Wiederkäuer sind ein Beispiel für die Sonderstellung der Landwirtschaft innerhalb der Klimadebatte. Einerseits rülpsen sie Methan und tragen so zum Klimawandel bei, andererseits kann durch Weidehaltung Kohlenstoff aus der Luft im Boden gespeichert werden. Weidehaltung wird in industriellen Großbetrieben jedoch kaum praktiziert. Im Gegensatz zu den meisten anderen Wirtschaftszweigen ist die Landwirtschaft sowohl eine Quelle als auch eine Senke für Klimagase. Es ist Zeit, sich daran zu erinnern, dass die Landwirtschaft das Potential hat, klimaneutral zu werden.

Win-Win durch Humusaufbau

Wenn Böden richtig behandelt werden, haben sie die Fähigkeit, Kohlenstoff aus der Atmosphäre aufzunehmen und zu speichern. Diese fantastische Fähigkeit des Bodens ist viel zu wenig bekannt – gemeinhin wird nur den Bäumen die Fähigkeit zugeschrieben, Kohlenstoff zu speichern (vgl. Graphik; Quelle: Bodenatlas 2015, Creative Commons Lizenz)

Allerdings: Wenn Böden umgepflügt werden, wird der gespeicherte Kohlenstoff in Form von CO2 wieder freigesetzt. Es wäre gefährlich, so zu tun, als ob die Emissionen der Landwirtschaft allein durch Humusaufbau wettgemacht werden könnten.

Der Boden spielt allerdings eine zentrale Rolle für die Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel. Ein humusreicher Boden kann doppelt so viel Wasser aufnehmen und verhindert dadurch die Auswaschung wichtiger Nährstoffe aus den Ackerflächen. So können enorme Schäden durch Abschwemmungen und Hochwasser minimiert werden. Durch die Stärkung eines gesunden Bodenlebens können wir die Landwirtschaft fit machen für extreme Wetterereignisse, die durch den Klimawandel noch weiter zunehmen werden.

Landwirtschaft ökologischer gestalten

Die Frage, was die Landwirtschaft tun kann, um den Klimawandel einzudämmen und sich an ihn anzupassen, geht weit über die Reduktion der Emissionen hinaus. Die Landwirtschaft muss insgesamt nachhaltiger und ökologischer gestaltet werden:

  • Die Verwendung von Pestiziden ist kontraproduktiv, da sie das Bodenleben töten und somit die Fähigkeit des Bodens, Wasser, Nährstoffe und Kohlenstoff zu speichern, aus dem Gleichgewicht bringt. Durch vermindertes Bodenleben werden Bauern und Bäuerinnen abhängig von klimaschädlichem chemischem Stickstoffdünger. Alternative Methoden wie Fruchtwechsel, Leguminosenanbau und organischer Dünger sind praxiserprobt und müssen weiträumig angewendet werden.
  • Unsere Regenwälder regulieren das Klima und dürfen nicht durch landwirtschaftliche Aktivitäten zerstört werden. Auch die Umwandlung von Grünland in Ackerflächen setzt Treibhausgase frei. Für Bäuerinnen und Bauern muss es sich auszahlen, Grünlandflächen zu erhalten.
  • Einerseits kann durch energetische Nutzung von Gülle das Methanaufkommen gemindert werden. Andererseits ist Energie aus Biomasse nicht grundsätzlich CO2-neutral und stößt in manchen Fällen sogar mehr Klimagase pro Energieeinheit aus als fossile Energieträger. Land ist eine knappe Ressource und fossile Energieträger können nur in sehr begrenztem Maße durch landwirtschaftliche Energiepflanzen ersetzt werden. Energieeffizienz und -einsparung müssen die oberste Priorität sein.
  • Wir müssen der Massentierhaltung ein Ende setzen und kleinere Tierhaltungen anstreben, sodass organische Stoffe wieder dem Boden zugeführt werden können. Tierische Produkte gehören zur Kreislaufwirtschaft dazu, sind jedoch ressourcen- und klimaintensiver in der Herstellung als pflanzliche Produkte und sollten daher in Maßen konsumiert werden.
  • Die Anpassungsfähigkeit der Landwirtschaft ist abhängig von der biologischen Vielfalt. Es gilt, sie durch agrarökologische Methoden und durch die Züchtung von widerstandsfähigen Pflanzen und Tieren zu stärken.

Herausforderung Klimawandel

Der Klimawandel stellt uns vor die Herausforderung, den Umbau der Landwirtschaft zu beschleunigen. Dabei sollte klar sein: Wenn wir die Landwirtschaft von jeglichen Klimazielen ausnehmen, müssen in anderen Wirtschaftsbereichen umso ehrgeizigere Anpassungen vorgenommen werden. Bisher wurde in der Landwirtschaft wenig getan, um das Klima zu schützen. Daher sind gerade in diesem Sektor noch viele Umsetzungsmaßnahmen zu finden, die mit geringem Einsatz viel Wirkungspotential aufweisen.

Ob die Klimaverhandlungen in Paris der geeignete Rahmen sind, um diese notwendigen Änderungen voranzutreiben, ist allerdings fraglich. Ähnlich wie der Schutz von Wäldern birgt auch die Integration der Landwirtschaft in die Klimaverhandlungen Risiken. Es besteht die Gefahr, dass die Förderstrukturen für Klimaprojekte, die von der Weltbank oder der UNO verwaltet werden, sich in Größenordnungen bewegen würden, die für kleinbäuerliche Betriebe nicht zugänglich sind.

Zivilgesellschaftliche Organisationen warnen davor, die sogenannte „Climate Smart Agriculture“ zur Verhandlungsbasis zu machen. Dieses von der Weltlandwirtschaftsorganisation FAO beworbene Konzept ist nicht hilfreich, da es auf eine Abgrenzung von fragwürdigen landwirtschaftlichen Praktiken verzichtet. Notwendig wäre eine klare Definition von klimafreundlicher Landwirtschaft, die auf gentechnisch veränderte Organismen verzichtet, sowie Hochertragssorten, synthetische Düngemittel und Pestizide überflüssig macht.

Notwendig bleibt es weiterhin, eine klimafreundliche Landwirtschaftspolitik auf allen politischen Ebenen voranzutreiben. Die Parole „Wachsen oder Weichen“, die seit Jahrzehnten von der Agrarpolitik scheinbar alternativlos vorangetrieben wird, lässt kaum Raum für effektiven Klimaschutz. Die Flucht nach vorne in immer größere Strukturen führt dazu, dass sich Betriebe hoch verschulden und dann um jeden Preis produzieren müssen, um ihre Raten zu bezahlen. Die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik der EU muss sich konsequent an der Ökologisierung der Landwirtschaft ausrichten und Fördermittel anhand nachhaltiger Kriterien vergeben. Die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Bäuerinnen und Bauern wirtschaften, müssen viel stärker als bisher positive Anreize für den Klima- und Bodenschutz setzen.