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Braucht es Gentechnik um die Welt zu ernähren?

Jeden Tag - auch heute - gehen 800 Millionen Menschen hungrig zu Bett. Das sind rund 10% der Weltbevölkerung. Warum haben wir es nicht geschafft, Hunger schon längst auszurotten?

Die Gründe sind vielfältig. So simpel das Unterfangen klingen mag, ein Mindestmaß an Nahrung, ein Menschenrecht, für alle Menschen zu sichern, so komplex ist es. Es liegt nicht daran, dass zu wenige Anstrengungen unternommen worden wären. Die Ausrottung von Armut und Hunger ist seit Jahrzehnten oberstes Ziel der Entwicklungspolitik.

Die Vereinten Nationen hatten sich vorgenommen, bis zum Jahr 2015 die Zahl der hungerleidenden Menschen zu halbieren. Dies wurde knapp verfehlt, doch sind die Fortschritte beachtlich und stimmen zuversichtlich, dass das neue internationale Ziel, den Hunger bis 2030 aus der Welt zu schaffen, tatsächlich erfüllt werden kann.

Zu wenig Nahrung ist nicht das Problem

Die Menschen haben nichts zu essen? Dann lasst uns doch mehr produzieren! So reagiert die Industrie auf das Problem des andauernden Hungers. Mehr und ertragreicher: mit Gentechnik könnten Erträge in der Landwirtschaft bedeutend gesteigert werden. Doch die Erfahrung in Regionen wie den USA, die seit mehr als 20 Jahren Gentech-Pflanzen anbauen, zeigt: Häufig steigen nicht die Erträge, sondern nur der Einsatz von giftigen Pestiziden. Davon mal abgesehen ist die Reaktion der Agrochemiehersteller wie Monsanto eine Themenverfehlung. Menschen leiden nicht an Hunger, weil es zu wenig Essen gibt.

Global gesehen wird sogar zu viel Nahrung produziert und Nahrungsmittelverschwendung ist ein ernsthaftes Problem, an dem sowohl die Vereinten Nationen wie auch die EU aktiv arbeiten.

Menschen leiden an Hunger, weil sie keinen Zugang dazu haben. Sei es weil sie zu arm sind, um das Notwendigste zu kaufen oder weil die Versorgung in ärmsten Regionen nicht funktioniert. Drastische Worte fand der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung: „Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.“

Armut, Preisschwankungen, Klimakatastrophen

Mit dieser Formulierung wollte Jean Ziegler nicht die komplexen Ursachen hinter dem globalen Hunger banalisieren, sondern unsere Verantwortung betonen.

Die Vereinten Nationen führen folgende Gründe an: Armut, Arbeitslosigkeit, hohe Kosten für Nahrungsmittel und Energie, Preisschwankungen bei Rohstoffen, extreme Wetterlagen und Klimakatastrophen sowie politische Instabilität und Konflikte.

Die Hungerkrisen von 2008 sollten uns bitter in Erinnerung bleiben, denn sie wurden unter anderem durch ein aus den Fugen geratenes globales Finanzsystem und seine Spekulationen auf Nahrungsmittel mitverursacht. Das meint Jean Ziegler, wenn er von Mord spricht.

Die Politik ist gefordert, steuernd zu wirken und Politik in allen Bereichen so zu gestalten, dass arme Menschen in Ländern des Globalen Südens nicht darunter leiden. Dieses Konzept heißt im Fachjargon „Politikkohärenz für Entwicklung“ und ist in den Europäischen Grundverträgen verankert.

Die EU und ihre Mitgliedsländer sind sich der systemischen Zusammenhänge also durchaus bewusst; wissen, dass ihre Exporte nach Afrika lokale Märkte gefährden und den Hunger anheizen statt bekämpfen.

Denn wenn die Ernte einmal nicht so gut ausfällt und die Getreidepreise steigen, so wie es 2007/08 der Fall war, sind Importländer ohne nennenswerte eigene Erzeugung dem Markt vollkommen ausgeliefert. Trotzdem halten die europäischen Minister*innen an einer exportorientierten Agrarpolitik fest - und behauptet gleichzeitig, sie täte alles, um den Hunger zu bekämpfen.

Ja, die EU ist die größte Geberin in der Entwicklungszusammenarbeit. Doch solange sie ihre eigenen noblen Bemühungen, etwa Projekte zum Aufbau lokaler Wertschöpfungsketten im Senegal, selbst untergräbt, werden die Erfolge beschränkt bleiben.

Resistente Pflanzen und „hochwertiges“ Saatgut

Auch wenn die Widersprüche zwischen den EU-Politikbereichen enorm sind, muss in Entwicklungsländern auf lokaler Ebene weiter gearbeitet werden. Es gilt, lokale Märkte zu stärken und Kleinbauern und -bäuerinnen zu unterstützen. Der Klimawandel und häufig auftretende extreme Wetterlagen stellen sie vor neue Herausforderungen; es drohen neue Hungerkatastrophen.

Hier will die agrochemische Industrie Abhilfe schaffen: resistentere Pflanzen entwickeln und „hochwertiges“ Saatgut einsetzen, sprich genetisch veränderte oder Hybridsorten.

Doch der Einsatz von Gentechnik ist mit Risiken verbunden und nutzt in erster Linie großen Konzernen, wie Untersuchungen zeigen, nicht den Kleinbäuerinnen und –bauern, die das Rückgrat der Landwirtschaft im globalen Süden sind.

Vermeintlich resistenter Gen-Mais hat sich in Südafrika als Flop erwiesen, er führte zu Ernteverlusten für Bauern. Und der „goldene Reis“, das Aushängeschild der Gentechnik-Lobby, enthält selbst nach 20 Jahren kostenintensiver Forschung noch nicht die versprochenen Mengen an Vitamin A. Allgemein gilt: Das industriell hergestellte Saatgut ist aufgrund von Urheberrechten teuer. Bauern können es nicht - wie üblich - selbst vermehren, sondern müssen es jedes Jahr aufs Neue am Markt kaufen. Diese zusätzlichen Kosten können eine am Existenzminimum lebende Kleinbäuerin in die Schuldenfalle treiben. Kommt noch ein Ernteausfall hinzu, droht Hunger. Bezeichnender Weise sind 60 Prozent der hungernden Menschen weltweit Bauern und Fischer, 20 Prozent sind Landarbeiter.

Statt des Versuchs, den Klimawandel durch den Einsatz von Gentechnik am Feld auszutricksen, ist die Förderung von Forschung und Anwendung agrarökologischer Anbaumethoden am sinnvollsten.

Die Wissenschaft erkennt an, dass Agrarökologie das aussichtsreichste Modell für klimaresistente und wahrhaftig nachhaltige Landwirtschaft ist. Sie setzt auf kleinteilige statt großindustrielle Lösungen, ihre Methoden sind oft günstiger und integrieren lokales Wissen. Agrarökologie nützt den Menschen direkt und trägt nachhaltig zum Kampf gegen den Hunger bei.

Weitere Infos

Pressemeldung: Monsanto greift EU-Parlament als „neokolonial“ an

Artikel: Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen: Weder hier noch anderswo

Video: Monsanto Tribunal

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